Von Walen, blutgetränkten Buchten und notwendigen Konsequenzen

Wir sitzen im Aufenthaltsraum unseres Campingplatzes im Süden der Insel Eysturoy auf den Färöern und unterhalten uns mit einer sehr gesprächigen Norwegerin, die mit ihrem Mann im Wohnwagen auf dem Campingplatz Urlaub macht. Allerdings sind ihr Mann und sie nicht aus Norwegen angereist, sondern kommen von einer benachbarten färingischen Insel. Während ihr färingischer Mann in der Küche steht und den Abwasch erledigt, unterhält uns die Norwegerin mit Geschichten aus ihrem Leben: wie die Liebe sie von Tromsø auf die Färöer gebracht hat, wie sehr sie „ihre“ Insel Sandoy liebt und wie wunderschön die deutsche Sprache sei. Wir hören dem Wortschwall gebannt zu und folgen den häufig etwas abrupten Themenwechseln mit großen Augen bzw. Ohren. Der abrupteste Themenwechsel ergibt sich aus ihrem Monolog über die Schönheit der färingischen Natur. Sie beugt sich näher zu uns und fragt uns mit gesenkter Stimme, ob wir denn vom Walfang gehört hätten? Wir nicken vorsichtig. Denn in jedem Reiseführer wird ausdrücklich davor gewarnt, sich mit Einheimischen auf hitzige Diskussionen über den sogenannten „Grindadráp“ oder „Grind“ – der Abschlachtung wundervoller Meeresbewohner in ebenso wundervollen färingischen Buchten – einzulassen.

Foto eines stolzen Färingers, der am Grind beteiligt war und die Erfahrung bei Instagram teilt

Vorsicht ist in diesem Fall aber nicht notwendig. Denn die Norwegerin berichtet wortreich, dass sie bei einem Grind dabei war, die Schreie der Wale gehört und das Blut in den Buchten schwappen gesehen hat. Sie fand es „horrible“ und lehnt diese „Tradition“ deutlich ab. Wir haken nach, versuchen heraus zu bekommen, ob auch junge Färinger hinter diesen Abschlachtungen stehen. Doch, das würde für alle Färinger gelten, sie würden den Grind lieben. Sie selbst könnte dort nicht mehr hingehen. Was mit ihrem Mann sei, fragen wir. Der fände das toll und sei immer mit dabei – ihre Mundwinkel zeigen nach unten, ihr Blick wandert zur Küche, zu dem so harmlos aussehenden Mitsechziger, dem ich persönlich nie eine Beteiligung an diesem blutigen Spektakel zugetraut hätte.

Selten hat eine meiner Nordlandreisen so viel (negatives) Feedback erhalten, wie der Trip auf die Färöer. Ob ich nicht wüsste, wie sie dort Wale abschlachten würden? Man dürfe ein solches Land nicht mit seinem Besuch unterstützen. Es gäbe so viele andere nordischen Länder, die ich bereisen könnte, ohne den Walfang zu unterstützen. Die Menschen, die mir solche Nachrichten schrieben, waren immer sehr erstaunt, wenn ich antwortete, dass auch Norwegen und Island ebenfalls groß im Walfanggeschäft sind. Und Dänemark, die die Färöer als gleichberechtigte Nationen innerhalb des Königreichs Dänemark anerkannt haben, dürfte ich nach dieser Argumentation auch nicht mehr bereisen

Über 80 Walarten leben in den Ozeanen unserer Erde, einige dieser Arten sind stark vom Aussterben bedroht und stehen auf der Roten Liste. Deshalb hat die Internationale Walfangkommission (IWC) im Jahr 1986 das globale Walfang-Moratorium in Kraft gesetzt, das den kommerziellen Walfang verbietet. Aus Gründen … aus Gründen, die den Bestand der Wale in den Weltmeeren erhalten und schützen soll. Neben Japan erkennen auch Island und Norwegen das Moratorium nicht an. Von den Färöern ist in diesen Berichten nie die Rede, die Zahlen der getöteten Tiere sind in den anderen Ländern wesentlich höher.

Seit rund 50 Millionen Jahren bevölkern Wale die Weltmeere und tun dabei jede Menge für das Ökosystem. Sie durchmischen die Wasserschichten im Meer, in dem sie ihr Futter in großen Tiefen aufnehmen und verdauen, um dann kurz vor der Wasseroberfläche ihren Darm wieder zu entleeren. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „der Walpumpe“.  Wale fördern durch ihre Ausscheidungen das Wachstum von Phytoplankton, das über die Hälfte des weltweiten Sauerstoffs produziert. Ihre Körper dienen somit als riesige CO2-Speicher. Wale könnten somit die Erderhitzung verlangsamen …

Aber ich schweife ab. Ich bereite mich auf alle Reisen sehr akribisch vor. Es geht mir nicht nur um die interessantesten Routen, die besten Reisehighlights, sondern auch darum, ein Gefühl für Land und Leute zu bekommen. Und ganz ehrlich: bei den Vorbereitungen auf die Färöer habe ich schnell festgestellt, dass ich mich gar nicht so intensiv mit den dort lebenden Menschen verbinden möchte. Es ist ja nicht nur die Tradition des Grind, die bei mir auf Widerstand stößt. Auch der Umgang mit den Schafen ist teilweise haarsträubend. Oder der „Sport“ des Vogeleiersammelns, bei dem es eine Art Initiationsritus ist, sich an Seilen an steilen Feldkanten abzuseilen und die Nester von brütenden Seevögeln auszurauben. Das ist auch eine „Tradition“, deren Name mir gerade nicht mehr einfällt.

(c) Sea Shepherd

Was kann ich als Touristin aktiv gegen solche Praktiken wie den Grindadráp unternehmen?

Ich selber schreibe zum Beispiel einen solchen Artikel. Ich teile in meiner kleinen Socialmedia-Blase Informationen vom Grind in Sandagerði bei dem am 12.Oktober mindestens 225 Grindwale abgeschlachtet wurden. Ich beziehe Stellung in Gesprächen mit (angeheirateten) Einheimischen gegen diese Praktiken. Ich unterstütze finanziell Projekte, die sich deutlich aktiver in den Schutz der Wale einbringen als ich. Beispielhaft möchte ich Euch hier die Kampagnen von Sea Shepherd verlinken

https://sea-shepherd.de/kampagnen/kampagnen-auf-den-faroer-inseln/

Und nicht zuletzt unterstütze ich touristische Angebote, die zeigen, dass mit lebendigen Walen eben auch Geld verdient werden kann. Die Teilnahme an einer Whalesafari vor Andenes auf den Vesterålen in Norwegen gehört zu einem meiner absoluten Reisehighlights!

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Kommentare

Eine Antwort

  1. Katharina sagt:

    Toll geschrieben! Vielen Dank dafür.

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