Zu denen halten, die verfolgt sind

Über das "Casa Pace" am Lago Maggiore

In meinem Leben gab es da diese eine sehr extravagante Tante.

Wenn sie zu Besuch kam, wurde das gute Geschirr aufgedeckt und die Bilder an unseren Wänden wurden in eine bestimmte Reihenfolge gebracht. Sie verteilte keine Süßigkeiten oder blumige Wangenküsse, sondern erteilte mir auf dem Wohnzimmerteppich gymnastische Übungen, verbunden mit dem Auftrag, an meiner Haltung zu arbeiten. Die höchstens 1,55 Meter große Frau wusste genau, was sie wollte. Weißhaarig, aus meiner Kindersicht „uralt“, zäh, sehr intelligent und streitbar und immer mit einem schelmischen Blitzen in den Augen.

Ich hatte als Kind und Jugendliche keine Ahnung, was für eine besondere Frau da in unserem Haus ein und aus ging, die über meinen Vater gerne zu unmöglichen Zeiten mit unmöglichen Anliegen verfügte. Meine Mutter entwickelte eine leichte Aversion gegen ihre Anrufe, die gerne in Forderungen endeten wie: „Ich möchte am Wochenende in das Haus in die Schweiz. Können Sie mich hinfahren?“ Mein Vater fuhr sie von ihrem Wohnort in Düsseldorf in die Schweiz, in ein kleines Bergbauernhäuschen in den Hängen oberhalb des Lago Maggiore. Er holte sie auch wieder ab, wenn ein weiterer Anruf ihn Wochen später erreichte. Er organisierte auch eine Betreuerin, als der Aufenthalt in dem windschiefen Haus mit den steilen Treppen für die über 80 Jährige zu gefährlich wurde.

Mieke Monjau hieß diese ganz besondere Frau, die durch das Interesse meiner Eltern an der Kunst ihres verstorbenen Mannes und seiner Freunde aus der Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ in unser Leben trat. Zu meiner Konfirmation schenkte mir Mieke mein erstes eigenes Bild: die Zeichnung „Zebras“ ihres ebenfalls verstorbenen guten Freundes und Künstlers Julo Levin – wusste sie doch, dass ich zu dieser Zeit ein echtes „Pferdemädchen“ war und die Zebras kamen meinem Interesse wohl am nächsten. Heute hängen die Zebras in unserem Wohnzimmer und ich liebe dieses Bild sehr!

Julo Levin "Zebras"

Wann mir genau bewusst wurde, dass sowohl Franz Monjau als auch Julo Levin nicht einfach nur „verstorben“, sondern durch die Nazis deportiert und in Buchenwald und Ausschwitz umgebracht wurden, kann ich nicht mehr genau sagen. Mieke fand in meinen Eltern große Unterstützer in ihrem Bestreben, die Erinnerung an diese beiden Männer, ihre Familien und Freunde, die zum größten Teil die Verfolgung durch die Nazis nicht überlebt hatten, aufrecht zu erhalten. Die Stiftung Monjau/Levin wurde gegründet und Mieke vermachte nahezu ihren ganzen Nachlass der Stadt Düsseldorf, wo bis heute Bilder beider Künstler im Stadtmuseum ausgestellt werden. Zudem findet man im Medienhafen heute eine Straße, die nach Julo Levin benannt ist: das Julo-Levin-Ufer. Dort findet ihr auch eine Gedenk-Stele, auf der sein Leben skizziert ist.

Mit einer Zeitzeugin aufzuwachsen, hat mich geprägt. Ich durfte die Briefe, die Franz Monjau aus Buchenwald nach Hause geschickt hat, mit in meinen Geschichtsunterricht im Gymnasium nehmen  – heute befinden sie diese Briefe auch im Düsseldorfer Museum. Ich kenne die Geschichten zu sehr vielen der Bilder dieser zwei talentierten und mutigen Männer, die wie Millionen anderer dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Ich schrieb meine eigene Diplomarbeit über „Gedenkstättenpädagogik“, also der politischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen an historischen Orten ehemaliger Konzentrationslager und habe dafür an Projekten in Buchenwald und Dachau mitgearbeitet. Es gibt über Mieke, Franz und Julo soooo viel zu erzählen, das würde diesen Blogartikel sprengen. Aber ich kann Euch ein Buch ans Herz legen, das leider nur noch in Antiquariaten zu finden ist: es heißt „zu denen halten, die verfolgt sind“  und wird Euch sehr deutlich machen, warum die Hashtags #niewiederistjetzt #keinenmilimeternachrechts und #gegendasvergessen so viel mehr sein müssen als Hashtags und dem Gefühl, einmal im Leben auf einer Demonstration gewesen zu sein!!!

Wie spanne ich nun den Bogen zum CASA PACE, dem kleinen Bergbauernhäuschen in den Weinbergen oberhalb des Lago Maggiore? Mieke war gelernte Gymnastiklehrerin und hatte im Krieg mit Verwundeten gearbeitet und nach dem Krieg eine Zusatzqualifikation in Krankengymnastik erlangt. Im Sommer reiste sie nach Genua, um dort Weiterbildungskurse für andere Therapeutinnen zu geben. Wir vermuten, dass sie auf diesen Reisen immer wieder am Lago Maggiore vorbeigekommen ist. Und irgendwie hat sie dann einem der Bergbauern ein windschiefes, 40 Quadratmeter kleines Häuschen abgekauft und viel Zeit in relativer Einsamkeit dort verbracht. Sie nannte das Haus „Casa (della) Pace“ -Haus des Friedens- und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie auf der Dachterrasse sitzend, den Blick auf die umgebenden Berge gerichtet, ihren inneren Frieden gesucht hat. Im Dorf galt sie als sehr extravagante Einzelgängerin und das Haus heißt bei den Alten des Dorfes bis heute „Casa Monjau“.

Mieke wurde 94 Jahre alt. Sie hat nie wieder geheiratet oder eine Familie gegründet. Die Tatsache, die Nazidiktatur überlebt zu haben, hat sie zu einer unermüdlichen Arbeiterin gegen das Vergessen gemacht. Und sie war immer eine Realistin. Als sie merkte, dass sie das Haus in den Weinbergen auf Grund ihres Alters nicht mehr aufsuchen konnte, hat sie dafür gesorgt, dass mein Vater es kaufen konnte – kein einfacher Akt, als Deutscher in der Schweiz Eigentum zu erwerben! Und so gelangte das Haus in den Besitz meiner Familie und inzwischen in meinen Besitz. Und natürlich hängt über dem Sessel am Kamin ein großes Porträt von Mieke Monjau und an den Wänden Bilder der beiden Maler, die ihr so viel bedeutet haben. Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Geschichte dieser Menschen und ihre Verbindung zu dem Häuschen am Lago Maggiore immer wieder zu erzählen. Denn, um Max Mannheimer zu zitieren: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nie wieder geschieht, dafür schon!“

Franz Monjau "Amsterdam III"

Möchtest du den Artikel teilen?

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest

Kommentare

8 Antworten

  1. Was für ein schöner Einblick in die Geschichte des Hauses und des Lebens von Frau Monjau. Und noch schöner, dass du sie weiterträgst. So schöne Kunstwerke – das hätte mir auch alles sehr gefallen! Danke für die Einblicke und das es eben viel mehr ist als ein Ferienhaus. Liebe Grüße, Heike

    1. Katrin Meyer sagt:

      Danke liebe Heike fürs Lesen ❤️

  2. Dani Fuchs sagt:

    Was für eine intensive und spannende Geschichte! Wie toll, dass deine Eltern den Kontakt so lange aufrecht gehalten haben und sie Teil eures Lebens war. Und schön, dass ihre Geschichte weiterhin Teil deines Leben ist!

    1. Katrin Meyer sagt:

      Danke Dir für‘s lesen! Und ja, ich hoffe sehr, dass ich die Geschichte dieser Menschen noch ein wenig lebendig halten kann!

  3. Ich freue mich, dass ich die wundervolle Geschichte
    um das Casa Pace und das Leben von Frau Monjau lesen durfte. Es ist berührend wie liebevoll zuerst Deine Eltern und jetzt Du dafür sorgst, dass nichts in Vergessenheit gerät. Es ist ein Haus voller lebendiger Erinnerungen und Schönheit.

    1. Katrin Meyer sagt:

      Danke Yvonne fürs Lesen!

  4. Katja sagt:

    Eine sehr bewegende Geschichte. Danke, dass Du sie mit uns teilst.

    1. Katrin Meyer sagt:

      Vielen Dank, dass du Dir die Zeit fürs Lesen genommen hast!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Artikel: