Mein (Skandinavian) Travel Codex

Ich war gerade auf Island unterwegs, als einige Instagram Stories und Beiträge zum Scandinavian Travel Codex in meinem Handy aufploppten. Erst zu Hause hatte ich die Muße, mich mit dem Projekt zu befassen, das von einigen nordlandverliebten Blogger*innen ins Leben gerufen wurde (Matthias Assmann, Geertje Marquardt, Katrin Walter, Timo Peters, Katharina Koch-Hartke, Andrea Ullius, Christine Birkel, Michaela Fuchs, Sina Kaiser und Marion und Alexander Sorg), danke Euch für diese Initiative, der ich mich sehr gern angeschlossen habe.

Bitte schaut Euch den Kodex zum FAIRreisen in den Hohen Norden einmal an und unterstützt mit Eurer Unterschrift ein verantwortungsvolles, respektvolles, sensibles und nachhaltiges Reisen in den wunderschönen Norden Europas.

Meine Gedanken haben mich in den letzten Wochen häufig zu der Frage gebracht, wie es passieren konnte, dass wir solche Projekte benötigen. Oh, natürlich könnte ich jetzt viele Beispiele anführen, welche seltsamen Verhaltensweisen von Menschen ich selbst schon auf Reisen beobachtet habe und wie besorgniserregend oder schlicht bescheuert ich dieses Verhalten finde. Aber viel wichtiger ist meines Erachtens, den Focus ganz selbstkritisch auf mich selbst zu richten: wie hat sich mein Reiseverhalten in den letzten 30 Jahren verändert?

In den 1990er Jahren bin ich mit Freunden und einem Interrailticket in den Norden gereist – damals war Irland meine große Liebe. Später haben wir die Räder ins Flugzeug gepackt und sind mit dem Flugzeug auf die grüne Insel geflogen, um diese mit dem Rad zu umrunden. Das machte damals außer uns noch kaum jemand. Die Bauern, die uns mit ihren Traktoren überholten, klatschten uns zu und boten uns von sich aus einen Platz zum Übernachten in ihrer Scheune an. Wir hatten den Jugendherbergsausweis dabei und liebten die Independent Hostels und die kleinen Campingplätze. Ich sparte lange auf die Tickets und auf die Filme für meinen Fotoapparat, der auch damals schon immer dabei sein musste. Für 4 Wochen Irland hatte ich 5 Farbfilmrollen dabei, was ein empfindliches Loch in mein Reisebudget riss. Fünf Rollen á 30 Fotos (wenn ich mich recht erinnere). Da musste ich gut überlegen, welches Motiv mir ein Foto „wert“ war. Ich hatte auch keine direkte Kontrolle, ob dieses eine Bild jetzt gut gelungen war oder nicht. Auf jeden Fall machte ich nicht 20 Bilder von einem Motiv, das wäre ja totaler Irrsinn gewesen. Die Fotos wurden zu Hause entwickelt und mit großer Spannung und Zeitverzögerung erwartet und dann den engen Freunden und der Familie gezeigt. Good old times.

Jetzt bin ich bei Instagram und schreibe für ein paar treue Leser auch Artikel hier auf meinem eigenen kleinen Mikroblog. Warum eigentlich? Die allermeisten von Euch kenne ich ja noch nicht einmal persönlich. Trotzdem nehme ich Euch mit in meinen Urlaub. Ich liebe den Norden und freue mich selbst sehr über Berichte von anderen über ihre Reisen und nehme Euch gerne mit an schöne Orte, die Euch hoffentlich auch Lust auf das ein oder andere Ziel in Skandinavien machen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich bei mir selbst nicht viel in Bezug auf meine Art zu reisen verändert hat: ich liebe es immer noch mit Roadtrips neue Gegenden zu erkunden (allerdings nicht mehr mit dem Fahrrad). Ich mag eher einfache Unterkünfte und minimalistisches Reisen. Ich möchte mit den Menschen in ihrem Land in Kontakt kommen und mehr erfahren, als ich mir im Reiseführer anlesen kann. Ich möchte die einheimische Küche probieren und Geheimtipps zu einsamen Stellen mit tollen Natur- oder Tierbegegnungen bekommen. Ich möchte immer noch schöne Fotos machen und danke dem Technikgott für die Erfindung der digitalen Kamera … und der Drohne. Und selbstverständlich latsche ich immer noch nicht über Absperrungen hinweg und lasse meinen Müll oder sogar meine Exkremente irgendwo in der Landschaft liegen.

Aber dadurch, dass ich jetzt meine Fotos nicht mehr nur 10 Freunden und der Familie zeige, habe ich auch ein größeres Maß an Verantwortung. Sowohl vor Ort bei meinen Reisen, als auch in der Social Media Welt. Wobei: das Ganze ist ja auch nicht so einfach. Ich zitiere mal den Scandinavian Travel Codex zum Thema SOCIAL MEDIA: „Wir sind uns der Konsequenzen, die Geotagging und generell das Verbreiten von Fotos in den sozialen Medien mit sich bringen, bewusst. Unsere Vorbildfunktion erkennen wir an und gehen verantwortungsvoll mit den sozialen Medien um.“

Ich liebe ja den Instagram Account @insta_repeat (vermutlich Werbung wegen Profilnennung), der großartig auf den Punkt bringt, dass unheimlich viele Menschen das immer gleiche Foto von ein und derselben Stelle machen möchten. Diese Orte sind so oft gegeotaggt worden, dass sie definitiv nicht geheim sind und ihre Anziehungskraft scheinbar auch durch die Menschenmassen an diesem einen Wasserfall/Straßenzug/Klippe nicht abnimmt. Wie kann das sein? Und wie kann ich dazu beitragen, dass dies aufhört? Oder müssen wir diese Orte einfach „abschreiben“? Ja, vielleicht poste ich nicht das dreimillionste Bild vom Seljalandsfoss an Islands Südküste. Aber werden ihn dadurch weniger Menschen anfahren? Wäre es nicht vielleicht hilfreicher, ich würde Alternativen vorschlagen – Wasserfälle, die auch wundervoll sind, tolle Perspektiven zum fotografieren bieten und die man noch ganz für sich alleine anschauen kann, weil es keine dicken Hinweisschilder, Parkplätze, Kaffeebuden und Toilettenhäuschen gibt. Aber wenn ich diesen „unbekannten“ Wasserfall jetzt hier „bewerbe“, wie lange dauert es dann noch, bis alle anderen dorthin fahren – NACHDEM sie beim Seljalandsfoss waren … uff, Ihr erkennt die Zwickmühle.

Vielleicht kann der Scandinavian Travel Codex dazu beitragen, dass die Menschen ähnlich ins Nachdenken kommen, wie es mir in den letzten Tagen auch ergangen ist. Natürlich wird es kein Zurück in die „Good old Interrailtimes“ ohne Social Media geben. Aber vielleicht können wir dazu beitragen, dass die Reisenden weniger eine Art „Fast Food“-Mentalität an den Tag legen. Ich bin bei Facebook in einigen länderspezifischen Reisegruppen und kann da häufig nur erstaunt die Augen aufsperren, wenn Anfragen kommen wie: „Hallöchen! Wir haben soeben Island für September gebucht. Habt Ihr Empfehlungen für eine 10-Tages-Route? Wir wollen schöne Motive fotografieren. Was muss ich in den Koffer packen? Kleidungsempfehlungen? Bitte keine guided Tours, wir wollen lieber selbst erkunden. Danke!“ Ähhh… dieser Person werde ich bestimmt nicht den kleinen, feinen Wasserfall empfehlen! Scheinbar ist ihr die Reise nicht einmal die Anschaffung eines Reiseführers wert. Meine Interpretation ihrer Anfrage: nennt mir die „Must-Sees“, die werden wir dann abfahren und zack, entstehen wieder die immer gleichen Bilder – ein Teufelskreis!!!

Also: spread the word! Hier https://scandinaviantravelcodex.com/codex geht’s zum Scandinavian Travel Codex. Unterzeichne ihn gerne und erzähle anderen davon. Und wenn Du nach Island kommst und diesen einen Wasserfall anschauen möchtest, schreibe mir -ganz old school- eine persönliche Nachricht ;0)

Möchtest du den Artikel teilen?

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel:

Inside Iceland

Eine Erkundung der Víðgelmir-Lavahöhle Die Víðgelmir-Lavahöhle findet man im Westen Islands in der Nähe von Reykholt. Sie liegt innerhalb des Hallmundarhraun Lava-Feldes, das über 50

Weiterlesen »

Unseren täglichen HotPot gib uns heute …

Gibt es etwas Schöneres und Entspannendes, als nach einem langen Wandertag in den teils sehr rauen Landschaften und Wetterbedingungen Islands, die müden Knochen in einen „Heitur Pottur”, heiße Quelle oder auch Hot Pot zu betten? Die meisten natürlichen heißen Quellen in Island haben Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad Celsius. Ideal um den Tag ausklingen zu lassen, zu entspannen, zu quatschen oder einfach nur in die umgebende atemberaubende Landschaft zu starren. Und wenn man ganz glücklich ist, kann man abends vielleicht vom Hot Pot aus Nordlichter sehen. Sigh …

Weiterlesen »