Was wir von den Mumins lernen können

 

 

Oder: Man darf anders sein und trotzdem dazugehören

Wer gerne nach Skandinavien reist, kommt kaum an der Vielzahl von Mumin-Fanartikeln vorbei, die in allen einschlägigen Souvenirläden verkauft werden. Wer kann sich auch dem Charme der drolligen nilpferdartigen Trolle der finnischen Autorin und Zeichnerin Tove Jansson entziehen?

Die Älteren unter uns, verbinden mit den Mumins vielleicht auch Kindheitserinnerungen. Ab den 1940er Jahren trollen die Mumins zunächst durch Kinderbücher und erscheinen dann täglich als Zeitungs-Comic in Großbritannien. Später wandern sie als polnische Stop-Motion-Figuren über die Leinwand (meine persönliche Kindheitserinnerung!) und wurden zum Anime-Film in Japan. Im Jahr 2025 Jahr feierten die friedliebenden Mumins einen runden Geburtstag: sie wurden 80 Jahre alt!

Grund genug, einen genaueren Blick ins Mumintal zu werfen und besonders ihre Schöpferin zu würdigen.

Über Tove

Tove Jansson wird im Jahr 1914 in Helsinki geboren. Ihre Mutter ist Grafikerin, ihr Vater ein exzentrischer Bildhauer, der selten zuhause ist. Auch ihre beiden jüngeren Brüder werden kreativ tätig: Per Olov als Fotograf und Lars als Zeichner und Schriftsteller. Die Familie lebt in einer Welt voller Kunst, Diskussionen, Humor und ungewöhnlicher Menschen. Ihre Sommer verbringen die Janssons häufig an der finnischen Küste. Diese Kindheit prägte Toves gesamtes Werk. Die Natur, das Meer, kleine Inseln, Stürme, Boote und das Gefühl von Freiheit tauchen später immer wieder in ihren Geschichten auf. Der bunt-chaotische Haushalt ihrer Kindertage wird zur Vorlage für Toves Muminversum, das als Kinderbuch-Serie in 40 Sprachen übersetzt wird.

Dabei war ihr ursprünglicher Berufswunsch nicht ansatzweise, Kinderbücher zu schreiben. Sie wollte als ernstzunehmende Malerin anerkannt werden. Bereits als Jugendliche veröffentlichte Tove Illustrationen. Sie studierte Kunst in Stockholm, Helsinki und Paris. Sie schuf Gemälde, Wandbilder, Porträts, Buchillustrationen und politische Karikaturen. In der satirischen Zeitschrift Garm positionierte sie sich unter anderem gegen Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus. Der Erfolg der Mumins war für sie deshalb durchaus zwiespältig: Die Figuren machten sie weltberühmt, während ihre Arbeit als bildende Künstlerin lange weniger Aufmerksamkeit erhielt. Schließlich zeichnete ihr Bruder die trollartigen Wesen für sie weiter.

Tove Jansson führte ein für ihre Zeit ungewöhnlich selbstbestimmtes Leben. Sie hatte Beziehungen zu Männern und Frauen. Zu ihren wichtigen Partnern gehörten der Journalist und Philosoph Atos Wirtanen sowie die Theaterregisseurin Vivica Bandler.1956 lernte sie die Grafikerin Tuulikki Pietilä kennen, mit der sie über vier Jahrzehnte verbunden blieb. Tuulikki, von Tove liebevoll Tooti genannt, wurde ihre Lebensgefährtin, künstlerische Partnerin und wichtigste Vertraute. Ihre Beziehung fand in einer Zeit statt, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen in Finnland gesellschaftlich stark tabuisiert und sexuelle Handlungen zwischen Personen gleichen Geschlechts bis 1971 strafbar waren.

1964 bezogen Tove und Tuulikki ein kleines Sommerhaus auf der kargen Felseninsel Klovharun im finnischen Schärengarten. Dort führten sie ein sehr einfaches Leben, aber mit viel Freiheit. Wind, Wellen, Wetter, Licht und die unmittelbare Nähe zur Natur bestimmten ihren Alltag. Sie verbrachten dort mehr als ein Vierteljahrhundert lang ihre Sommer. Tove liebte diese Mischung aus Unabhängigkeit und Naturgewalt. Das Meer ist in ihrem Werk deshalb niemals nur eine hübsche Kulisse. Es kann trösten, bedrohen, verändern und den Menschen mit seinen Grenzen konfrontieren.

2001 stirbt Tove in Helsinki.

Wenn Du mehr über diese inspirierende Frau erfahren möchtest, lege ich Dir folgende Biografie ans Herz: Tove Jansson – die Biografie von Tuula Karjalainen

Wie die Mumins entstanden

Der erste Mumin entwickelte sich aus kleinen, zunächst eher unheimlich wirkenden Figuren, die Tove zeichnete. 1945 erschien ihr erstes Muminbuch: Småtrollen och den stora översvämningen – auf Deutsch „Mumins lange Reise“. Es entstand im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte erzählt von einer Suche nach Sicherheit, Heimat und Familie.

Im Lauf der folgenden Jahrzehnte wurden die Mumins freundlicher und runder. Ihre Geschichten hingegen entwickelten sich von abenteuerlichen Kinderbüchern zu zunehmend philosophischen Erzählungen. Das Mumintal ist dabei keineswegs eine konfliktfreie Welt. Es gibt Ängste, Einsamkeit, Katastrophen, Abschiede, Missverständnisse und Menschen beziehungsweise Wesen, die sich nicht verstehen. Aber es gibt auch einen außergewöhnlichen Grundsatz:

Man darf anders sein und trotzdem dazugehören.

Heute ist das kein überraschender Gedanke. Das Konzept der Neurodiversität ist in aller Munde. Kein  Mensch gleicht dem anderen. Letztlich würdigt das Konzept die Tatsache, dass jedes Gehirn einzigartig ist. Die Unterschiedlichkeit oder (Neuro)Diversität des menschlichen Seins macht unsere Gesellschaft aus.

Überraschend und aus meiner Sicht beeindruckend ist eher die Tatsache, dass Tove Jansson diese Gedanken bereits in den 1960er Jahren in ihren Mumingeschichten auf den Punkt brachte.

Lasst uns daher ein paar ihrer bekannten Figuren aus dem Mumintal unter diesem Gesichtspunkt betrachten:

Klein Mü – wenn Unangepasstheit nicht automatisch zum Problem wird

Klein Mü ist winzig, trägt meist ein rotes Kleid und hat ihre Haare zu einem spitzen Knoten gebunden. Aber ihre Persönlichkeit ist alles andere als klein. Sie ist direkt, impulsiv, selbstbewusst und oft wenig diplomatisch. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie widerspricht, provoziert und verweigert sich Erwartungen. Trotzdem wird sie in Toves Geschichten nie darauf reduziert, dass sie unbequem ist.

Sie wird eher als temperamentvoll, mutig, spöttisch und ausgesprochen unabhängig dargestellt. Sie sagt, was sie denkt, auch wenn andere das lieber nicht hören möchten. Was die kleine Mü so interessant macht: Sie möchte nicht angepasst werden. Sie verlangt nicht unbedingt Zustimmung, aber sie lässt sich auch nicht leicht einschüchtern.

Neu in meinem Kleiderschrank: dieses tolle Kleid mit Klein Mü

In Tove Janssons Geschichten wird der Charakter der kleinen Mü in „Die unsichtbare Kleine“ aus Geschichten aus dem Mumintal (1962) besonders deutlich. In dieser Erzählung wird das Mädchen Ninni unsichtbar, nachdem es über längere Zeit durch Ironie und abwertende Behandlung verunsichert wurde. Bei der Muminfamilie erlebt es eine andere Form des Umgangs. Die kleine Mü spielt dabei eine besonders interessante Rolle: Sie ist nicht übervorsichtig und behandelt Ninni auch nicht wie ein zerbrechliches Wesen. Sie bringt eine Perspektive ein, in der Ärger, Widerstand und Selbstbehauptung ihren Platz haben.

Eine Schlüsselszene im Mumintal: am Ende der Geschichte versucht Muminpapa scherzhaft, Muminmama ins Wasser zu stoßen. Ninni reagiert empört, beißt ihn in den Schwanz und zeigt erstmals offen ihren Ärger. In diesem Moment wird auch ihr Gesicht wieder sichtbar. 

Die kleine Mü hat Ninni nicht einfach beigebracht, wütend zu sein. Aber sie hat etwas Entscheidendes deutlich gemacht: Widerspruch und Ärger dürfen Teil der eigenen Persönlichkeit sein.

Da fällt die Wahl nicht schwer, oder?

Der Schnupferich - Verbundenheit bedeutet nicht, immer zusammen zu sein.

Schnupferich ist ein Wanderer, Musiker, Naturfreund und Philosoph. Mit seinem grünen Hut, seiner Mundharmonika und seinem Rucksack zieht er durch die Landschaft. Er liebt die Natur, die Stille und das Unterwegssein. Besitz bedeutet ihm wenig, Freiheit dagegen sehr viel.

Schnupferich braucht keine festen Strukturen, um sich sicher zu fühlen. Er findet seine Sicherheit vielmehr darin, selbst entscheiden zu können, wohin er geht, wann er bleibt und wann er wieder aufbricht.

Er steht für eine Lebenshaltung, die wunderbar zu Reisen in den Norden passt: wenig besitzen, aufmerksam beobachten, die Natur genießen und unterwegs sein, ohne ständig ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen.

Jeden Herbst verlässt Schnupferich das Mumintal und zieht nach Süden. Im Frühling kehrt er zurück. Mumin vermisst ihn, versucht aber zunehmend zu verstehen, dass Schnupferichs Bedürfnis nach Freiheit keine Zurückweisung seiner Freundschaft bedeutet. Ihre Beziehung zeigt, dass tiefe Verbundenheit und persönliche Unabhängigkeit keine Gegensätze sein müssen. Schnupferich verkörpert eine Haltung, die sich durch viele Geschichten Tove Janssons zieht: Man kann andere Menschen lieben, ohne ständig mit ihnen zusammen sein zu müssen.

Ein Gedanke, der Schnupferich besonders gut beschreibt: „Verbundenheit bedeutet nicht, immer zusammen zu sein. Sie bedeutet, einander die Freiheit zu lassen, man selbst zu sein.“ (Eigene Zusammenfassung seiner Haltung, kein Originalzitat von Tove Jansson).

Zoom in und entdecke die beiden Freunde Mumin und Schnupferich auf meinem Kleid

Sniff- Man muss nicht furchtlos sein, um die Welt entdecken zu dürfen.

Während Schnupferich für Freiheit und die kleine Mü für Selbstbestimmung und Unerschrockenheit steht, verkörpert Sniff etwas anderes:

Das Recht, unsicher und ängstlich zu sein und trotzdem dazuzugehören. Das ist ein wichtiger Gedanke in einer Kinderbuchwelt. Denn Sniff wird nicht erst dann wertvoll, wenn er seine Ängste überwindet. Seine Freunde nehmen ihn so, wie er ist. Merke: nicht jede, die (in den Norden) reist, muss eine unerschrockene Abenteurerin sein. Man darf sich vor unbekannten Wegen fürchten, lieber gemütlich unterwegs sein, schöne Dinge sammeln und sich über kleine Entdeckungen freuen. Auch vorsichtige Menschen können große Entdecker sein. Und vielleicht ist genau das Sniffs größte Stärke: Er lässt sich von seiner Angst nicht immer davon abhalten, die Welt kennenzulernen.

Ein Gedanke, der Sniff besonders gut beschreibt: „Man muss nicht furchtlos sein, um die Welt entdecken zu dürfen. Manchmal reicht es, neugieriger zu sein als ängstlich.“ (Eigene Interpretation von Sniffs Charakter, kein Originalzitat von Tove Jansson).

 

Hallo Sniff! Schön, Dich im Muminmuseum zu treffen!

(M)Ein kleines Fazit aus dem Mumintal:

Tove Jansson hat eine literarische Welt geschaffen, die aus heutiger Sicht erstaunlich viele neuroaffirmative Gedanken zulässt.

Ihre Geschichten zeigen, dass Zugehörigkeit nicht davon abhängen muss, wie angepasst jemand ist. Dass Rückzug und Gemeinschaft gleichermaßen wertvoll sein können. Und dass Beziehungen auch dann bestehen bleiben können, wenn Menschen sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Besonders eindrucksvoll ist, dass sie dabei nie eine perfekte Welt zeichnet. Ihre Figuren streiten, missverstehen sich, haben Angst, verlieren sich und finden manchmal wieder zueinander.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Besonderheit des Mumintals: Es ist nicht deshalb ein sicherer Ort, weil alle gleich sind, sondern weil Unterschiede dort Platz haben.

Und gerade deshalb sind Tove Janssons Bücher keineswegs nur Kinderliteratur.

Habe ich Dir jetzt Lust gemacht, ein Mumin-Buch mit anderen Augen zu lesen? Es würde mich freuen!

Und wenn Du mal in der Nähe bist, schau Dir unbedingt das Moominmuseum in Tampere an!

Möchtest du den Artikel teilen?

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Artikel: